Mein Herz besteht aus tausend Einzelteilen. Jeden Tag versuchen sie sich fragmentarisch erneut zusammenzusetzten um Eins zu werden. Aber die Teile meines Herzens sind nicht genormt, wie die eines Puzzles. Manche sind kleiner und größer, mit Ecken, Kanten, Spitzen und Rundungen. Allesamt sind sie Zeugnis meiner Lebensentscheidungen, meiner Gedanken und Gefühle. Mein Herz ist ein verräterisches kleines Ding. Jeden Tag schlägt es als Muskel so unerlässlich und zuverlässig, treibt zudem aber auch zu den passendsten und unpassendsten Momenten mein Gedankenkarrussel stetig an.
Als Kind habe ich die Redewendung „Es wird einem schwer ums Herz“ nie verstanden. Heute kann ich es nachvollziehen, wenn schwere, nostalgische Gedanken Platz in mir finden. Es ist als würde sich ein Mensch im Schneidersitz auf meinen Brustkorb setzten und es sich dort gemütlich machen, schließlich ist dort der perfekte Ort zum Verweilen. Gleichzeitig wird mein Herz in eine feste Umarmung gedrückt, die so eine Intensität hat, dass sie unangenehm ist. Sich jeder Atemzug schwer anfühlt und man sich manchmal selbst beruhigen muss, dass alles in Ordnung ist und man nicht noch in Panik gerät.
Mein Herz ist ein verräterisches Ding. Es analysiert alles und stellt auch alles in Frage. Zeitgleich kann es Vergangenes nur schwer loslassen. Die Tatsache, dass sich zwischenmenschliche Beziehungen verändern, manchmal auch einfach ohne Grund aufhören, ist für es schwer begreifbar. Denn gibt es nicht immer irgendwo noch ein kleines bisschen Hoffnung, dass alles mal so wird, wie es mal war? Die Suche nach einem Grund ist für mein Herz unabdingbar. Ist dieser nicht vorhanden beginnt der ewige Kreis der Endlosschleife. Denn warum sollten Dinge ohne Grund beendet werden? Oder gibt es Gründe, die man einfach nicht weiß? Der Zustand der ständigen Anstellung von Vermutungen ist anstrengend, für mich aber auch mein schweres Herz. So wird ein Abschluss auf emotionaler Ebene oft unmöglich. Welcome Friendship Heartbreak. So verbleibt immer ein kleines Lesezeichen in meinem Lebensbrowser, das immer wieder geöffnet wird, wenn man es durch Zufall wiederentdeckt.
Aber nicht nur die Vergangenheit beschäftigt mich. Auch die Zukunft ist ein ewiges was-wäre-wenn. Es ist geprägt von diversen hypothetischen Szenarien. Großartigen, die Lust auf mehr machen, aber auch jene, vor denen man vielleicht Angst hat. Weil eben nicht alles nur von auf einem selbst basiert. Weil die anderen Menschen eben auch ihren freien Willen haben. Da schwingt manchmal die Angst der Ablehung mit. Aber viel öfter die Angst des Verlustes. Angst, dass sich Verbindungen verändern weil Dritte in das Leben von Freunden treten, Angst vor Entfremdung weil man zu weit entfernt wohnt, Angst dass man seinen engsten Menschen eigentlich gar nicht so wichtig ist, und Angst vor verpassten Chancen. Angst zu spät etwas gesagt zu haben.
Und dennoch sage ich nichts. Versuche den ewigen Sturm in mir so gut wie möglich zu tarnen. Nicht zu viel zu sein, aber auch nicht zu wenig.
Mein Herz besteht aus tausend Teilen. Tausend Teile die aus realen und hypothetischen Szenarien bestehen. Jeden Tag versuche ich sie sorgsam zusammen zu kleben. Aber wie viel vom Herz verschwindet, wenn man ständig nur Scherben zusammensetzt?